Predigten von Pfarrer Dirk Grützmacher

Pfarrer Dirk Grützmacher stellt seine Predigten in der Regel noch am selben Tag auf seiner Webseite ein. 

Predigt von Wolfgang Günther am 3. Advent 2017

Nach der Bundestagswahl trafen sich drei Parteien zu Sondierungsgesprächen für eine neue Regierung. Wir wissen alle wie es ausging. Sie konnten zusammen nicht kommen. Die Gegensätze waren zu groß. 

Auch die Evangelischen Landessynode unserer Kirche ist gespalten. Bei der letzten Tagung vor knapp drei Wochen konnte keine Einigkeit erzielt werden über die Frage ob gleichgeschlechtliche Partner öffentlich gesegnet werden dürfen. Es konnte kein neues Gesetz verabschiedet werden, die Gegensätze waren nicht zu überwinden. Ich weiß, dass einige Synodale befürchten, dass sich über diesem Konflikt die Landeskirche spalten könnte.  

Auch bei den ersten Christen gab es heftige Konflikte. Da waren auf der einen Seite die zum Christentum bekehrten Juden. Sie waren der festen Überzeugung, wer Christ werden will muss zuerst zum Jude werden und die biblischen Gesetze wie die Beschneidung, die Speisegebote und die Reinheitsgebote erfüllen. Diese Gebote hatten den Glauben des jüdischen Volkes über Jahrhunderte getragen. Sie waren für sie unverzichtbar. Dagegen waren die zum Christentum bekehrten Heiden überwiegend der festen Überzeugung, Jesus Christus habe das Gesetz ein für alle Mal erfüllt. Es genügt, wenn wir Jesus Christus lieben und ihm vertrauen.  - Auch hier ein scheinbar unüberbrückbarer Gegensatz. Paulus geht darauf ein. Für ihn ist klar: Die Einheit der Christen besteht in aller Unterschiedlichkeit in der Verbundenheit mit Christus.

Ich lese dazu den Predigttext aus Römer 15,5-13

Es geht in dem Abschnitt um die

Einheit, die in der Verbundenheit mit Christus besteht

in drei Gedankenkreisen will ich das entfalten:

1.     Wir sind von Christus angenommen

2.     Wir nehmen die Anderen an

3.     Wir geben der Liebe Vorrang vor den Normen.

1. Wir sind von Christus angenommen

„Nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hatSteht hier als zentraler Satz in dem Predigttext. Um es anders auszudrücken Gott sagt ja zu uns. Ganz persönlich dürfen wir das nehmen. Gott sagt ja zu mir. Das ist etwas ganz besonderes. Ich erinnere mich da an eine Geschichte die vor vielen Jahren Herbert Demmer der damalige Präsident des CVJM Gesamtverbandes erzählte. Ich will sie hier sinngemäß wiedergeben. Herbert Demmer  leitete eine große Jugendgruppe. Ein Junge störte ständig und das Woche für Woche. Schließlich hielt der Leiter es nicht mehr aus und warf ihn hinaus. Als die entsprechende Gruppenstunde zu Ende war, ging er zu seinem Auto. Da stand der Junge an einen Baum gelehnt. Herbert Demmer stutzte und ging zu ihm hin. „Sag mal, warum störst du denn immer“, fragte er den Jungen, „ist ja sonst so langweilig“ entgegnete der Junge trotzig. „Warum kommst du dann überhaupt, wenn du alles langweilig findest“, fragte der Leiter. Da blieb es eine Weile still. Schließlich kam es stockend aus dem Jungen: „Ihr singt da immer so ein Lied, da heißt es: Er liebt auch dich!“ – Dann brach es aus ihm heraus „Mich liebt niemand!“. Herbert Demmer legte den Arm um den Jungen. „Doch, auch du bist geliebt“, sagte er. Und er erzählte ihm von der Liebe Jesu, die auch vor dem Tod nicht halt machte. Dann sagte er: „Und weißt du was, ich mag dich auch. Wir sehen uns nächste Woche wieder.“ Und der Junge kam wieder und wurde schließlich Helfer in der Jugendarbeit.

Darf ich eine Frage stellen: Berührt uns diese Zusage, dass wir von Gott angenommen sind noch, oder ist uns die Rede von der Liebe Gottes so zur Gewohnheit geworden, dass wir kaum noch etwas damit verbinden? Und doch ist es gerade dieser Zuspruch, der uns helfen kann uns auch immer wieder selber anzunehmen. Denn das ist ja oft gar nicht so leicht.

Ich will das an einem Beispiel verdeutlichen. Da ist ein Ehepaar -  sie unterhalten sich angeregt, plötzlich sagt sie etwas wodurch er sich angegriffen fühlt. Er ärgert sich, und seine Antwort fällt entsprechend aus. Nun fühlt sie sich ihrerseits angegriffen, und sie verlässt schweigend das Zimmer. Jetzt sitzt er da, der Ärger steigt in ihm hoch: Typisch, nun haut sie einfach wieder ab, denkt er, das ist doch immer so. Und dann steigen viele Erinnerungen hoch, in denen er sich von seiner Frau verletzt fühlte. Mit jeder Episode, die ihm einfällt entfernt er sich innerlich mehr von seiner Frau. Da scheint keine Liebe mehr Platz zu haben. Und das ist ja wahr. Wo Bitterkeit überhandnimmt, hat Liebe keinen Platz. Schließlich besinnt sich der Mann und er wird sich bewusst, wie er mit seiner Antwort, seine Frau verletzt hat. Nun ärgert er sich erst recht. Diesmal über sich selbst. „Warum nur bin ich immer wieder so aufbrausend?“ fragt er sich. Er mag sich plötzlich selbst nicht mehr leiden. Das erschwert die ganze Situation. Sofort versucht er in seinem Herzen wieder alle Schuld auf seine Frau zu schieben. Wer mit sich selber nicht im Reinen ist, sich selber nicht annehmen kann, ist nicht fähig zu lieben.

Was für eine Hilfe ist uns da diese Botschaft: Der lebendige Gott nimmt mich an, mit all meinen Ecken und Kanten. Er sagt ja zu mir, deshalb kann ich zu meinen Schwächen stehen. Deshalb kann der Mann aus unserem Beispiel zu seiner Frau gehen und sagen „Entschuldigung, was ich vorher sagte war falsch.“ Wer selbst Annahme erfahren hat, der muss sich nicht mehr selbst rechtfertigen, und kann andere mit ihren Schwächen annehmen.

Ich weiß es nicht, doch ich denke, auch hier im Gottesdienst sitzen Menschen, die an anderen Menschen lieblos gehandelt haben und das eigentlich bedauern. Aber ihr Stolz lässt es nicht zu, dass sie sich das eingestehen. Der Bibeltext sagt uns zu: Du bist angenommen, wie du bist. Du kannst zu dir selber stehen. Auch zu deinen Fehlern. Und dann wird erkennbar: Wer sich selbst angenommen hat, mit allen Stärken und Schwächen der kann auch andere annehmen. Damit sind wir beim 2.

2. Wir nehmen die Anderen an

Die Anderen sind die Menschen, die nicht so denken und nicht so sind wie wir selbst. Nehmt einander an, wie Christus heißt es dazu in unserem Abschnitt. 

Ich erinnere mich an meine Kindheit. Da fragte ich einmal meinen Vater: „Sag mal , sind die Katholischen eigentlich auch richtige Christen?“ Es folgte eine Pause, dann die Antwort: „Naja einige vielleicht schon.“ Das war damals in den 50ziger –Jahren des letzten Jahrhunderts die Grundhaltung zwischen Evangelischen und Katholischen Christen. Man misstraute sich gegenseitig. Ich habe mir erzählen lassen, dass das auch in Affaltrach nicht viel anders war. Es gab ein echtes Problem, wenn Katholische und Evangelische heirateten. Man bekriegte sich zwar nimmer, aber man hatte auch nicht viel gemeinsam. „Nehmt einander an“ bedeutet mehr, es ist ein deutlicher Aufruf zu einem Miteinander. Und ich bin sehr dankbar, dass ich ein Teil dieses Miteinanders sein konnte. Nach den Feierlichkeiten zur Unterzeichnung der Gemeinsamen Erklärung zur Rechtfertigungslehre in Augsburg trafen sich Verantwortliche von Bewegungen und Gemeinschaften aus dem evangelischen und katholischen Raum. In Allen war der Wunsch, sich besser kennen zu lernen. 2004 waren wir vom CVJM Stuttgart Gastgeber zu einem gemeinsamen Treffen mit ca 2000 Mitarbeitern aus über 150 geistlichen Bewegungen. Das Treffen stand unter dem Thema: „Miteinander Reichtum entdecken und Teilen“. Was war das Besondere? Wir trafen uns mit dem Ziel, in der anderen Gemeinschaft zu entdecken, was Gott dort Kostbares geschenkt hat. Den Reichtum in der je anderen Gemeinschaft zu entdecken Ich erinnere mich an den Abschlussabend. Wir standen in kleinen Gruppen mit 4-5 Personen zusammen und sollten erzählen, welchen Reichtum wir bei anderen Gruppen gefunden haben. Eine Frau aus einer katholischen Gruppierung sagte unter Tränen, ich bin so dankbar, dass ich von meinen evangelischen Freunden das freie Beten gelernt habe. Ich kannte bisher eigentliche nur das liturgische Gebet. Ein Anderer sagte, ich habe durch den Kontakt zu meinen katholischen Geschwistern wieder ein Verständnis für die Heiligkeit Gottes bekommen. Ein Dritter sagte, ich habe gelernt, wie ich dem Frieden dienen kann.

Es ist kostbar wenn sich Menschen begegnen mit der Neugierde, welche Gaben hat Gott in den Anderen gelegt. Und das nicht nur in der Ökumene. Das gilt es auch in der Kirchengemeinde einzuüben. Wenn wir neugierig aufeinander zugehen, mit dem Ziel zu entdecken: Welche Gaben hat Gott in den Anderen gelegt? Wenn wir uns aus dieser Haltung heraus wertschätzen und achten, erfahren Menschen Annahme. Ich glaube fest, wo das in einer Gemeinde gelebt wird. strahlt das aus. Dann sind nicht nur an Weihnachten die Kirchen voll. Dann entsteht ein neues Gotteslob, das die Herzen der Menschen erreicht.

Nun gibt es allerdings ein Problem. Was ist nun, wenn der andere Positionen vertritt, die ich absolut nicht teilen kann, die ich sogar als verwerflich empfinde die meinen Grundüberzeugungen total wiedersprechen? Mir hat da ein Satz geholfen, den hörte ich vom zurück getretenen Papst Benedikt. Beim Weltjugendtag in Köln wurde sein Sekretär gefragt: Was meint denn der Heilige Vater dazu, dass sich viele dieser Jugendlichen nicht an die Sexualnorm der katholischen Kirche halten?  Die Antwort, die der Sekretär überbrachte war: „Zuerst kommt die Liebe, dann die Moral!". Damit komme ich zum letzten Punkt:

3. Wir geben der Liebe Vorrang vor den Normen

Zuerst die Liebe. Erst die Liebe, dann die Normen.

Dies ist ein Leitspruch zum Umgang mit allem Fremden: Erst die liebevolle Zuwendung, dann die Moral. – Ob es nun um Menschen mit anderem Glaubenshintergrund geht, um Menschen mit anderer sexueller Orientierung oder was auch immer. Zuerst geht es um die liebevolle Zuwendung, alles andere wird sich weisen.

Wenn wir uns mit Menschen auseinandersetzen ist wichtig, dass wir sie wertschätzen und achten, dass, wir sie ernst nehmen wie und was sie auch sind. Wie kann das praktisch geschehen? Wir können für die Menschen, die uns Not machen beten und sie in der Stille segnen. Einen Segenspruch oder ein Gebet für einen Menschen zu sprechen ist ein Liebesdienst. Wir stellen damit einen Menschen vor Gott. Wo wir das praktizieren ändert sich etwas, es beginnt in unseren eigenen Herzen.

Da beginnt eine zarte Pflanze der Zuneigung tief in uns zu wachsen. Ganz tief unten in unserem Herzen. Die Liebe beginnt meist ganz unten. In dem folgenden Gedicht, mit dem ich diese Predigt abschließen will, wird das so zum Ausdruck gebracht

Du sehnst dich nach Liebe, bist seltsam bewegt.

Es erfüllt dich mit Freude wenn Liebe sich regt:
Wenn du dich vergisst, dich Menschen zuwendest
Verstehen und Hilfe an Andre verschwendest.
Du weißt es, und doch  -
scheinst Du oft wie  gebunden
wo bleibt nur die  Liebe im Herz tief unten?
was ihm das Leben einstens bot,
das ist vorbei – er kann´s kaum fassen,
dass er dies Leben muss verlassen.
Es packt ihn Verzweiflung, er hadert und klagt
ist bis in sein Innerstes verzagt.
findet er Trost und erkennt, dass er
viel Gutes in seinem Leben gefunden
und die Liebe gewinnt sein Herz ganz unten.
und einer hat für sich gedacht:
Nie wieder werd ich je vertraun
will nur noch nach mir selber schaun.
weiß nicht wie sehr er andre verletzt.
Doch plötzlich ganz ohne warum
erkennt er: wie war ich so dumm.
Neu knüpft sich ein Vertrauensband.
Nun entdeckt er von seinem Stolz entbunden:
Die Liebe gewinnt im Herz ganz unten!
Liebe will immer zum Du hin wandern.
Sie will sich in dieser Welt verströmen.
und so die Welt mit dem Himmel versöhnen
denn wo immer sich Liebe bei Menschen rührt,
da ist Gott am Werk, der zur Liebe führt.
und wo Liebe geschieht
berührt uns sein Geist, der ins Leben einzieht.
Gott kam mit Jesus, in die Dunkelheit
und teilte mit Menschen Freude und Leid
Er ist uns nah, auch in schweren Stunden.

Da ist ein Mensch in Krankheitsnot.

Doch plötzlich -  er weiß nicht woher

Zwei die sich schätzten sind verkracht

Er fühlt sich einsam von allen versetzt, 

Er geht und bietet dem Gegner die Hand.

Ob im eigenen Herz oder  im Leben der Andern 

Denn er selbst ist die Liebe

In ihm offenbart sich die Liebe hier unten.

Amen